Inhalt

1. Die Geschichte der Juden in Walsdorf - Überblick anhand der historischen Quellen in Walsdorf

1.1 Die Zeit vor 1630 - Die ersten Juden in Walsdorf

Der erste urkundliche Nachweis datiert auf das Jahr 1609. Es existiert eine Crailsheim`sche Akte in der ein "Menlein Jud zu Walsdorf" als Geldverleiher für Schmuck Erwähnung findet. Die Herren von Crailsheim waren seit dem 15. Jahrhundert als reichsritterschaftlicher Adel Besitzer des Rittergutsortes Walsdorf. Sie besaßen dort ein kleines Wasserschloss. Für die Zeit vor dem 30-jährigen Krieg sind im "Saalbuch" acht an Juden vergebene Lehen vermerkt. Aus dem Jahr 1632 existiert eine Akte über den Pfarrer Fuchs, der einen von den Juden gestifteten Abendmahlskelch "privatisiert" haben sollte, weil die Gemeinde sich geweigert hätte daraus das Abendmahl zu empfangen.

Als Walsdorf im Jahr 1628 von Bamberg aus gewaltsam katholisiert wurde, berichtete der katholische Pfarrer im Pfarrbuch von 144 Gulden Abgabe an die Pfarrherrn und 36 Gulden an den Kirchner, die die ansässigen Juden zu leisten hatten. Diese Gemeinde bestand bis ca. 1630 in Walsdorf.

Der 30-jährige Krieg führte zum vollständigen Verlust derselben. In Walsdorf wird am Ende des 17. Jahrhunderts von einem ortsansässigen Juden berichtet, der als "Begräbnisjude" der Bamberger Judengemeinde den Friedhof in Walsdorf versah und wohl dafür das Friedhofsbuch führte.

1.2 Juden leben als „Crailsheim'sche Schutzjuden“ in Walsdorf

Im Jahre 1672 werden im Crailsheim'schen Saalbuch acht jüdische Familien aufgeführt. Vom Status her waren die „Schutzjuden“, wie in dieser Zeit üblich, in den Herrschaftsgebieten der Reichsritter. Vorher hatte nur der Kaiser das Recht die als nicht deutsch eingestuften Juden als seine "Kammerknechte" gegen entsprechende Zahlungen zuzulassen. Sie unterstanden damit seinem direkten Schutz, was im Ernstfall allerdings meistens wenig nutzte !

Später verliehen die Kaiser dieses Recht an Adlige, oder diese maßten sich dieses einträgliche Recht einfach an. Diese Schutzjuden mussten an ihren Landsherrn ziemlich hohe Abgaben zahlen, wobei es allerdings mit dem Schutz in Krisenzeiten nicht weit her war. Beispielsweise hatte ein Jude in Walsdorf 108 Gulden für Schutz und Mietzins zu zahlen. Ohne Miete waren 60 Gulden fällig. Hatte ein Haus zwei Wohnungen, verdoppelte sich die Gebühr. Außerdem waren noch die verschiedenen Gemeindeabgaben zu leisten, und die Juden mussten sich auch an dem Wachdienst in der Gemeinde während der Gottesdienste beteiligen. Das hieß, dass die Juden die leerstehenden Häuser der Christen während deren Gottesdienst bewachen mussten. Nur die Aufwendungen für Pfarrer und Lehrer blieben ihnen gewöhnlich erspart. Wie teuer dieser Schutz war erfährt man unter Punkt 1.3.

1.3 Beispiel der Abgaben eines Handelsjuden im fürstbischöflichen Bamberg

Diese Schutzjuden mussten an ihren Landsherrn ziemlich hohe Abgaben zahlen, wobei es mit dem Schutz in Krisenzeiten allerdings trotzdem nicht weit her war. So hatte ein Jude in Bamberg z.B. pro Jahr · 12 Dukaten für den Fürstbischof,

25 Kreuzer für das Kammerzeichen,
360 Dukaten an das fürstliche Arbeitshaus,
4 Dukaten an einen Judenamtmann und
30 Kreuzer für den Kammerdiener und
andere Trinkgelder

zu zahlen.

Dazu kamen noch die normale Staatssteuer (wie jeder Bürger), eine hohe Ertragssteuer, Neujahrsgelder, Koschergelder und Interregnumsgelder. Man hatte hier also hochwillkommene Steuerzahler !

1.4 Tumulte und Übergriffe erschweren das Leben der Landjuden

Trotz der hohen Zahlungen an Steuern und Abgaben kam es immer wieder zu Tumulten und Übergriffen gegen die unbeliebten Mitbürger. Gerüchte und allgemeine Missstimmungen wurden hier oft abreagiert. Mehrere Beschwerden der Walsdorfer Juden über Anfeindungen sind belegt. Als Anekdote am Rande: Im Jahre 1699 kam es ebenfalls zu Tumulten, wobei der ortsansässige Jude zu seinem Schutze im Schlosshof untergebracht werden musste, und seine Frau bei einem Gang nach Bischberg vom Bischberger und Vierether Lehrer überfallen und ausgeplündert wurde !

1.5 Das Leben der Crailsheimer Landjuden seit 1700

In der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts siedelte die Herrschaft der Crailsheimer die Juden systematisch am Schafberg an. Zwischen 1724 und 1733 waren es drei neue zweistöckige Judenhäuser der Herrschaft, die später auch in jüd. Besitz übergingen. Man hatte am Schafberg die dortige Ziegelei aufgelassen und das Gelände als Siedlungsgebiet der Juden genutzt. Wohl eine nicht sehr gelungene Tat, da durch die abgesetzte Lage zum eigentlichen Dorf der Ghettobildung und Absonderung zusätzlich Vorschub geleistet wurde. Sicherlich mit ein Grund für die Intoleranz der christl. Bevölkerung gegenüber den Juden. Im Jahr 1740 zählte man 12 Familien und bis 1804 war die Gemeinde auf 28 Familien mit 120 Seelen angewachsen. Manche Häuser beherbergten drei Familien mit vielen Köpfen. Es ging sehr beengt zu, und mehrere Nutzungsstreitigkeiten sind belegt.

Im Jahre 1731 wird in einem Schreiben der Gutsherrschaft der Bau einer Synagoge und Schule genehmigt. Sie wird 1732 auf Crailsheim`schen Grundbesitz errichtet. 1802 kamen am Schafberg ein Gemeindehaus und ein Tauche (Mikwe) dazu. Das Gemeindehaus wurde bereits 1859 ohne Tauche wieder verkauft, da eine Abwanderung eingesetzt hatte. 1862 ging die Synagoge nach gründlicher Renovierung in den Besitz der jüdischen Gemeinde über.

1.6 Blick in den Alltag um die Jahrhundertwende

Im Bereich der Religionshoheit unterstand die jüdische Gemeinde Walsdorf dem Distriktsrabbinat in Burgebrach. Als Vorsänger fungiert in der Regel der ortsansässige jüdischer Lehrer, der meist auch Gemeindevorsteher war (z.B. Joseph Silbermann um 1850).

An Berufen finden wir in den Akten hauptsächlich Handel und bäuerlichen Nebenerwerb. 1824/25 finden sich

1 x Vorsänger
6 x Viehhandel
1 x Spezereihandel
3 x Hausiererhandel
3 x Schnittwarenhandel
1 x Trödelwarenhandel
2 x Schmuserei
1 x Strumpfstricken
1 x Ökonomie
1 x Taglohn
4 x ohne
1 x Witwe (Sohn ernähren)

Zum Vergleich: In Walsdorf lebten um diese Zeit 25 Haushalte in 15 Häusern mit etwa 115 jüdischen Personen. Es gab zu der Zeit in Walsdorf insgesamt ca. 147 Haushalte mit etwa 650 Personen. Um 1900 war die Gemeinde durch Landflucht oder Auswanderung auf 31 Köpfe geschrumpft. Man war nicht einmal mehr in der Lage die 10 männlichen Juden zur Abhaltung eines Gottesdienstes zusammen zu bringen. So wurde die Gemeinde mit der in Trabelsdorf trotz Widerstände zwangsvereinigt.

1.7 Das bittere Ende

Am 10. November 1938 erschien eine Gruppe der SA aus Bamberg und zerstörten Türen, Fenster und die Einrichtung der Synagoge. Die Angst der christlichen Nachbarn vor einer Feuersbrunst konnte das Abfackeln des Gebäudes gerade noch verhindern. In den Aufzeichnungen von Pfarrer Förtsch ist zu lesen, dass sich die Ortsansässigen nicht an der Aktion beteiligten. Die Schulkinder wurden am folgenden Tag an den Ort der Schandtat geführt und "durften" mit den herumliegenden Gebetbüchern ein Feuer schüren ! Von den 1933 verbliebenen 23 Juden in Walsdorf entkamen elf der Verfolgung durch Auswanderung, zwei konnten noch im Jahre 1942 fliehen, sieben wurden am 25. April 1942 nach Izbica bei Lublin deportiert. Der Zeitzeuge Pfarrer Förtsch schrieb zu diesem Ereignis: "Die Gemeinde endet eines Sonntags, als alle verbliebenen Juden unter Polizeiaufsicht auf einen Laster verladen und mit unbekannten Ziel weggebracht wurden!" Die letzte noch zurückgebliebene Jüdin, Frau Rosa Karl, starb im September 1942 auf den Transport nach Theresienstadt.

Heute noch existierende Häuser der damaligen Judengemeinde sind Schafberg Nr. 2, 5, 7, 9, 11, 13, 14, 15, 17, 19, 21, 26, am Brunnenweg Nr. 12, 14 und Laurentiusweg Nr. 2.